Taxi-Zentrale Wuppertal

Es fallen die Standardtelefongebühren an

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Aus guten alten Zeiten

Bis 1963 gab es in Wuppertal 64 Taxen. Kaum jemand benutzte damals ein Taxi. Die Kundschaft bestand überwiegend aus Geschäftsleuten und Kranken, die die Fahrer zum großen Teil mit Namen kannten. In der Regel machte man 6 bis 8 Fahrten pro Schicht, der Lohn betrug 80,- DM pro Woche. Teilweise arbeiteten die Fahrer noch im 24- Stunden Rhythmus: 24 Stunden Dienst und 24 Stunden frei. Zwischendurch schlief man auf der Hölzernen Eckbank in der Zentrale (Vohwinkel). In den Nachtstunden waren in Elberfeld oft nur noch 4 Taxen unterwegs. Am Halteplatz Kipdorf, der damals „Alte Freiheit“ hieß, spielten die Fahrer nachts Fußball; irgendeiner hatte immer einen Ball im Kofferraum. Mit steigendem Umsatz verlagerte sich später der nächtliche Zeitvertrieb in die nahe gelegene Eden-Bar. Nach der Schicht traf man sich im Cafe Mertens am Kirchplatz. Die erste Straßenbahn, die durch die Calvinstraße kam, hielt vor dem Cafe, obwohl da gar keine Haltestelle war und sammelte so die Nachtarbeiter auf.

Man setzte zunächst überwiegend Gebrauchtwagen ein, darunter auch den VW- Käfer. Mit fetteren Gewinnen wuchs die Größe der Fahrzeuge bis hin zum Opel Admiral mit 6 Volt Anlage. Wenn es regnete und Scheibenwischer, Licht, Funk und die Heckscheibenheizung gleichzeitig betätigt wurden, ging diesem Auto der Strom weg, und es blieb einfach stehen. Dasselbe konnte nach durchqueren einer größeren Pfütze passieren. Überbrückungskabel gab es noch nicht. Ein Kollege musste das Fahrzeug abschleppen oder- was auch vorgekommen sein soll- eine Matratze vom Sperrmüll wurde zwischen die Autos geklemmt und so der liegengebliebene angeschoben, Ende der 60er fuhr man überwiegend Neuwagen, der 180er Mercedes Diesel kostete damals 9600,- DM.

Hochkonjunktur war von Freitagabend bis Sonntag während des so genannten Lohntütenballs. Die Arbeiter verdienten ca. 120, – DM pro Woche, und einige gaben das Geld sofort aus; vor allem jene, die in den noch zahlreichen Obdachlosenheimen lebten: Klingholzberg (genannt »K-Berg«, die Baracken waren die ehemaligen Pferdeställe). In der Breslauerstraße gab es den berüchtigten »Kristallplatz«, ein bunkerartiges Gebäude, dessen Türen und Korridorböden aus Eisen bestanden und deren Behausungen eher Gefängniszellen als Wohnungen ähnelten. Der Taxifahrer musste sein Fahrzeug sorgfältig abschließen, wenn er dort drin nach seinem Fahrgast suchen wollte. Es war sogar vorgekommen, dass dem Taxi beide Vorderräder fehlten, als der Fahrer zurückkam.

Diejenigen, die immer von der guten alten Zeit schwärmten, vergessen allzu leicht, dass es auch damals Überfälle und Morde an Taxifahrern gab. Handgreiflichkeiten mit Fahrgästen scheint es sogar häufiger gegeben zu haben. Regelmäßige Störenfriede seien z. B. die »Tommies« gewesen, die alliierten Hüter des Friedens. Wenn sie am Alten Markt nachts nach ausgiebigem Betrinken nur ein einziges Taxi vorfanden, versuchten sie es mit 20 Mann zu besiegen, was für den Taxifahrer sicher nicht so lustig war, wie es heute klingt. Wenn dann der Zentralist um Hilfe bat, waren die Kollegen sehr zügig zur Stelle. Bestimmte Fahrer, darunter die ehem. Kollegen Schmitz und Peters, waren von den Soldaten so sehr gefürchtet, dass sie sofort den einzigen noch offenen Fluchtweg in die Wupper nahmen, sobald diese Herren auftauchten.

Nach Meinung älterer Kollegen habe man damals durch gemeinsame Gegenwehr die Aggression von Fahrgästen besser im Keim ersticken können. Das Gemeinschaftsgefühl sei stärker gewesen als heute. Wenn einer Probleme hatte, fuhr jeder los, dem Kollegen zu helfen, auch wenn er Fahrgäste dabeihatte. Fahraufträge wurden solange nicht vermittelt, bis die Angelegenheit bereinigt war. Fahrgäste, die nicht zahlen konnten oder wollten, wurden kurzerhand im Deilbachtal ausgesetzt. Weigerte sich einer, aus welchen Gründen auch immer, mit dem ersten in der Schlange zu fahren, nahm ihn auch kein anderer mit. Es gab damals nicht nur wenige Taxen, auch private PKW‘s sah man nur selten. Nachts begegnete einem oft von Vohwinkel bis Oberbarmen kein einziges Auto. Entsprechend ungewohnt war für viele Bürger der Umgang mit einem Automobil. Manchen älteren Menschen mussten die Taxifahrer erst zeigen, wie man auf den Beifahrersitz kam. Dieser Umstand war beliebter Anlass zu Schabernack, so ließ einmal ein Fahrer einen weiblichen Fahrgast auf allen Vieren quer über die Vordersitze krabbeln. In einem anderen Fall ließ es der Fahrer zu, dass sein Gast mit Knien zuerst den Sitz bestieg, und als er sich aufrichtete, schaute er rückwärts mit dem Kopf aus dem offenen Schiebedach heraus, wie einer, der versehentlich falsch herum einen Gaul bestiegen hat.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung stieg die Nachfrage nach privater Personenbeförderung und damit die Anzahl der Taxen und Fahrer. Entsprechend verbesserte sich der Verdienst der Fahrer; das Geld saß allen lockerer denn je. Man traf sich nachts in verschiedenen Lokalitäten zum Kaffee trinken, zum Karten spielen und um den Ballast in den Geldbörsen loszuwerden. „Zentrale, wissen Sie, wo heute die Endstation der Straßenbahn ist?“ Auch im damals noch üblichen Aufenthaltsraum in der Zentrale fanden solch nächtliche Zusammenkünfte statt. Manchmal kam der Funker dazu und bettelte, man möge ihm doch ein paar Fahrten abnehmen, drei gingen nach Düsseldorf usw.

Aus dieser Zeit stammt wohl auch die gern erzählte Anekdote von dem betrunkenen Fahrgast, der mit dem Taxi nach Düsseldorf wollte und bereits nach wenigen Kilometern eingeschlafen war. Der Fahrer fuhr zurück zum Standplatz und gemeinsam mit Kollegen schaukelte er das Taxi, um den schnarchenden Fahrgast die Illusion der großen Reise zu lassen. Dann wurde er geweckt und ihm mitgeteilt, dass man zurück in Wuppertal sei und die Fahrt koste hin und zurück 50,- DM.

Neben der Eden-Bar im Kipdorf war auch das La Femme in der Osterfelderstraße beliebter nächtlicher Treffpunkt, um sich die strippenden Mädels anzuschauen und ein Glas Cola zum Taxitarif von 1, – DM zu schlürfen. Bis zu 30 Taxen waren manchmal vor dem Etablissement abgestellt. Es kam vor, das einer dort hingeschickt wurde, um den Fahrern auszurichten: ,,Jockel sagt, ihr sollt rausfahren, er kriegt die Fahrten nicht weg.“ Jockel hieß also der amtierende Zentralist, aber auch das Fahrpersonal gab sich bemerkenswerte Spitznamen wie: »Matschauge«, »Schweinebacke«, »Wasserfussi«, »Lügenwillem«, »Siebenschläfer« (er fuhr die 7 und schliefen an der Ampel ein).

Das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es unter den damaligen Fahrern einen Ehrencodex gab, den alle respektierten, sofern sie in den erlauchten Kreis des Kollegiums aufgenommen werden wollten. Jeder kannte jeden; zudem trafen sich oft dieselben Fahrer am gleichen Halteplatz, da der Plan vorschrieb, welchen man anfahren durfte. Der Unternehmer musste also mit dem neuen Fahrer von Auto zu Auto gehen und die neuen Kollegen einzeln vorstellen. Tat er das nicht, wurde der Neue auch nach Wochen und Monaten wie ein Fremdling behandelt, den keiner grüßte. Weigerte er sich hartnäckig, die Spielregeln der eingeschworenen Gemeinschaft anzunehmen, schickte man ihn systematisch »auf die Luft« bis er entweder den Beruf wechselte oder sich anpasste.
Viele Unternehmer trugen noch bis in die 70er Jahre Schirmmützen und dreiviertellange Fuhrmannsjacken. Mit den Fahrern wurden Arbeitsverträge gemacht, die im Auto mitgeführt werden mussten. Der Vorstand kontrollierte das gelegentlich am Halteplatz. Eine Kopie des Vertrages lag der Zentrale vor, denn ohne Arbeitsvertrag gab es keine Fahrten. Inhalt des Vertrages war vor allem die Funk- und Fahrdienstordnung bis hin zu: »Fehlfahrten sind [ ….. ] auf den täglichen Abrechnungszettel mit der Anschrift des betreffenden Bestellers zu vermerken.«

In den 50er und 60er Jahren war es zudem gar nicht so einfach, Taxifahrer zu werden. Man benötigte den Nachweis einer 5-jährigen Fahrpraxis und die Führsprache eines Unternehmers oder angesehenen Fahrers. Obendrein musste man beim TÜV eine Fahrerprüfung ablegen; erst dann konnte man sich zur mündlichen Prüfung beim Ordnungsamt anmelden. Prüfungsunterlagen, wie man sie heute kennt, gab es nicht. Das nötige Wissen mussten sich die Anwärter schon selbst aneignen. Geprüft wurden neben den Ortskenntnissen auch die Kenntnis der städtischen Taxiordnung.

Bis 1971 gab es den Anfahrplan für die Halteplätze. Man Unterschied zwischen den »City-Plätzen« und den »Außenplätzen«. Die für City-Plätze eingeteilten Taxen durften Neumarkt, Alte Freiheit, Bhf. Elberfeld und Luisenstraße anfahren. Die anderen mussten nach jeder Fahrt zu ihrem speziellen Außenhalteplatz zurückkehren, es sei denn, an einem anderen Platz wartete bereits ein Fahrgast. Sie durften sich aber nicht an City-Plätzen anstellen. Daher konnte es vorkommen, dass ein Fahrer eine ganze Nacht am Zoo verbrachte, ohne eine einzige Fahrt zu machen. (Übrigens entspricht die ausschließlich männliche Form der Berufsbezeichnung noch den statistischen Gegebenheiten. Erst Mitte der 60er Jahre sah man in Wuppertal die ersten Frauen hinter dem Steuer eines Taxis).

Von einer ganz besonderen Tour berichtete der General Anzeiger am 6, März 1962: „Zu eilig hatte es heute Morgen ein kleiner Wuppertaler, auf die Welt zu kommen. Mit seiner Neugierde verhalf er dem 41-jährigen Taxifahrer Guido Becker zu der aufregendsten Fahrt seines Lebens. […..] Selbst wenn der Fahrer die erlaubte Geschwindigkeit überschritten hätte, wäre er nicht rechtzeitig an der Landesfrauenklinik angekommen. Noch während der Fahrt wurde das Kind geboren. Guido Becker an Zentrale: »Das Kind ist schon da. Es schreit schon, können Sie’s hören? «

Jürgen Hensgen